informierte Entscheidungen
Im Geiste des Dialogs
Ein Kommentar von
Dr. Rüdiger Theiselmann
Unsicherheit – ein Zeichen unserer Zeit. Beim Weltwirtschaftsforum 2026 werden die globalen Krisen wie unter dem Brennglas besonders visibel. Kriege und geopolitische Konflikte, gesellschaftliche Spannungen und Polarisierung, technologische Umbrüche durch KI und Automation sowie Klimawandel. In diesem Umfeld unternehmerische Entscheidungen zu treffen, stellt für Manager eine große Herausforderung dar. Oftmals ist in der Praxis ein sehr zögerliches Verhalten zu erkennen, teils entscheidet keiner mehr etwas. Zu unklar sind die Rahmenbedingungen, zu unwägbar die Folgen.
Hochrisiko-Vorgänge werden je nach Situation und Unternehmenskultur entweder auf die Gesellschafter- bzw. Aufsichtsratsebene verschoben, um sich anweisen oder andere entscheiden zu lassen. Oder es wird möglichst alles so lange abgestimmt und sondiert, bis vermeintlich alle Risiken ausgeschlossen sind und man am Ende eine kollektive, einstimmige Entscheidung trifft – falls die Geschäftschance dann noch besteht. Ist die Insolvenz in Sichtweite und der finanzielle Spielraum limitiert, geht häufig gar nichts mehr voran. Der Treiber für all dies ist die Sorge vor Reputationsverlust und Karriereknick sowie persönlicher Haftung.
Dabei ist mehr Mut durchaus angebracht. Denn eine Haftung wegen Pflichtverletzung kommt bei unternehmerischen Entscheidungen nach herrschender Rechtsprechung zur Business Judgment Rule – und diese gilt mittlerweile in vielen Ländern – erst in Betracht, wenn das Management ein „hohes unabweisbares Risiko“ eingeht, für dessen Übernahme „ein vernünftiger Grund nicht erkennbar“ ist. Es besteht ein großer Spielraum, zu dem neben dem bewussten Eingehen geschäftlicher Risiken auch die Inkaufnahme der Gefahr gehört, Fehlbeurteilungen und Fehleinschätzungen zu unterliegen.
Natürlich ist es stets erforderlich, alle verfügbaren Informationsquellen auszuschöpfen und die Entscheidung sorgfältig zu dokumentieren. Weil die Rechtsprechung „umfassende Information“ erfordert, wird das Management auch verstärkt künstliche Intelligenz in ihre Entscheidungsfindung einbeziehen müssen – mit dem damit verbundenen Risiko von KI-Halluzinationen. Die Ergebnisse der KI anhand von Primärquellen zu plausibilisieren und kritisch zu prüfen, ist unverzichtbar. Zudem sollten die Chancen und Risiken sowie die Vorteile und Nachteile der Entscheidung in dokumentierter Weise abgewogen werden. Kommt es daraufhin dennoch zu einem Fehlschlag und zu einem Schaden für das Unternehmen, kann sich das Management „exkulpieren“ und eine persönliche Haftung vermeiden. Aus rechtlicher Sicht müssen also die „Bälle nicht ins Tor getragen“ und jegliche Risiken ausgeschlossen werden. Dies verlangen weder der Gesetzgeber noch die Gerichte.
Und gerade in der existenziellen Krise ist Nichtstun bzw. Nichtentscheiden keine Option. Im Gegenteil: um eine persönliche Haftung zu vermeiden, sollten Manager in dokumentierter Weise aktiv Restrukturierungsmaßnahmen ergreifen und sicherstellen, dass sie den Zeitpunkt erfassen, an dem das Unternehmen „insolvenzreif“ wird. Und dies ist nicht erst der Fall, wenn wenig oder gar kein Geld mehr vorhanden ist – sondern beispielsweise nach deutschem Recht schon dann, wenn mehr als zehn Prozent der fälligen Schulden nicht mehr beglichen werden können. Deshalb ist es so wichtig, in der Krise die Liquidität aktiv zu managen und zu agieren, statt nur zu reagieren oder gar in Lethargie zu verfallen.
Jede Krise birgt Gelegenheiten. Den Mut aufzubringen, beherzt, zügig und ohne Erfolgsgarantie zu handeln und sich bietende Chancen zu nutzen, war immer schon und ist gerade heute mehr denn je ein Wettbewerbsvorteil. Zugleich ist es vor allem in Krisenzeiten wichtig, mit Stakeholdern im Austausch zu bleiben – auch deshalb kommt dem diesjährigen Motto des Weltwirtschaftsforums für Manager in unsicheren Zeiten eine aktuelle Bedeutung zu: „im Geiste des Dialogs“ informierte Entscheidungen treffen.
Dr. Rüdiger Theiselmann ist Herausgeber des Board Journal. Zugleich verfügt er als Anwalt, Board Advisor und Aufsichtsrat über mehr als 20 Jahre Erfahrung in Wachstums- und Restrukturierungsprojekten internationaler Unternehmen. Seit 2018 tauscht er sich alljährlich in Davos während des Weltwirtschaftsforums mit Top-Managern und Unternehmern über aktuelle Themen und Trends der Wirtschaft aus.